Die Meinungsfreiheit in der Nazizeit.
Ein Interview mit Zeitzeugin Marianne M.
“ Menschenrechte; Artikel 19
Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten. „
Es kommt einem heutzutage wie selbstverständlich vor wenn man diesen Artikel liest. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung und diese auch zu verbreiten. Wir scheinen auch nicht zu sehr darauf zu achten oder darüber nachzudenken was wir heutzutage frei äußern. Sei es öffentlich in der Schule oder durch einen Post in Facebook, Instagram oder Twitter.
Doch vor nicht allzu langer Zeit, da wurde dieses Recht, jenes Privileg welches wir genießen, wie alle anderen, mit den Füßen getreten und man wurde dafür sogar bestraft.
In meiner Familie wird das Thema des zweiten Weltkrieges nur ungern angesprochen. Denn sofort kommt in jedem von uns ein und die dieselbe Geschichte ins Gedächtnis. Die meines Urgroßvaters Karl-Johann Petroll.
Er wurde von den Nazis verhaftet, gefoltert und starb aufgrund der Folterungen nur kurze Zeit später.
Der Grund? Mein Urgroßvater hatte eine hitlerfeindliche Bemerkung in seinem Freundeskreis gemacht und wurde daraufhin von einem Spitzel verraten. Dafür kam er in ins Gefängnis. Meine Oma erlaubt mir die Geschichte nun an euch da draußen weiter zu erzählen.
“ Er war ein lieber und starker Mann, er lehrte mich schwimmen und das Radfahren, wir machten oft Picknicks zusammen mit Mutter am Rheinufer“ so beschreibt ihn meine Großmutter Marianne. Geboren am 13.11.1932, als einziges Kind von Elisabeth und Karl-Johann Petroll, verbrachte sie eine glückliche Kindheit in dem kleinen Ort am Rhein.
Doch dies änderte sich am 01.09.1939, der Zweite Weltkrieg brach aus und die schönen unbeschwerten Nachmittage am Rhein, gehörten der Vergangenheit an. Bomben vielen über Ginsheim und die Nachbarorte. Die Nazis und Soldaten stationierten sich im Ort und man erkannte die Gefahr ihres Erscheinens.
Noch mit 84 Jahren erinnert sich meine Großmutter daran wie es damals war, zwar nur noch wage doch diese Bilder kann sie so leicht nicht vergessen.
„Es fielen viele Bomben über unsere Köpfe. Der Nachtbar hatte einen Bunker gebaut, nur die engsten Verwandten und Freunde durften da hinein, meine Eltern und ich versteckten uns dort manchmal mit duzend anderen Leuten und warteten darauf, dass die Amis wegflogen. Vater musste dann immer nach den Angriffen raus, er sah im Ort und den Nachtbarorten nach was zerstörte wurde und meldete es dem Militär.“
Soldat war Urgroßvater nicht, er war, was man einen Schadensgutachter nennen könnte. Nach jeden Bombenangriff musste er im Ort und den Nachbarorten sich umsehen und den Schaden melden. Der Altrhein an den Ginsheim liegt, trägt den beinahmen „Leichenfluss“, im zweiten Weltkrieg wurden dort immer die Leichen angespült. Mein anderer Urgroßvater Emil hatte damals als einziger einen „Narren“ ein Boot mit Motor und zog diese aus dem Wasser. Auch solche unglücklichen Funde musste Urgroßvater Karl melden.
Im Frühjahr 1944, nach Jahren der schrecklichen Funde, der Frustration, Angst und Wut äußerte dann Urgroßvater den Satz der eine Zeit voll Schmerz und Folter bedeuten würde.
„Die Bomben die auf Bischofsheim gefallen sind, hätten den Hitler auf den Kopf fallen sollen.“
Im Kreis seiner Freunde, in einer kleinen Kneipe in Bauschheim, die heute nicht mehr existiert, verlieh er seiner Wut mit diesem Satz Ausdruck.
“ Ein Mann, ein verdammter Verräter, ging zu den Nazis und verpfeifte Vater. Er bekam bald Post aus Darmstadt. Es war ein Haftbefehl glaube ich. Vater kam zehn Monate nicht mehr zurück. Sie hatten ihn in ein Gefängnis geworfen. Als er wiederkam, erkannte ich ihn gar nicht mehr. Er war abgemagert, krank und schwach. Im Rücken hatte er ein Loch, das schon ein wenig verheilt war. Er lag von da an nur noch im Bett so krank war er. Gestorben ist er daran. „
Eine kleine Bemerkung kostete ihn das Leben. Von da an waren Urgroßmutter und Oma auf sich gestellt. Unterstützung gab es von den Verwandten so gut es ging in der damaligen Zeit, doch wurde die Angst nun größer für meine damals zwölfjährige Oma.
“ Wir hatten jeden Tag angst. Zeitungen gab es damals nicht. Wir konnten nur durch das Radio hören was um uns herum geschah. Und das was wir hörten, war nicht schön. Auch was im Ort erzählt wurde konnte einem Angst machen. Irgendwann 1945, dass war glaub ich nachdem die Alliierten einmarschiert sind, haben Amis Leute aus der Ringstraße angeschossen, als die versucht haben über den Rhein wegzuschwimmen.“
Es war eine Zeit voller Angst und Unsicherheit. Jeder Tag hätte der letzte sein können, wenn man sich nicht dass, was der Führer sagt hielt. Kommt dieses Thema in der Schule auf, werden viele Schüler sauer und fragen sich, warum sich nicht mehr Menschen erhoben haben um etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu sagen.
Eine Antwort darauf sei sie auch nicht zufriedenstellend, liefern Beispiele wie mein Urgroßvater. Die Menschenrechte die wir heute alle kennen und genießen, waren zu dieser Zeit überhaupt nicht vorhanden. Am 10.12.1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedet. Drei Jahre nach Ende eines furchtbaren Krieges der ca. 71 Millionen Menschen das Leben kostete, wurden die Menschenrechte erstmals durchgesetzt, denn so etwas schreckliches wie die Nazizeit in Deutschland sollte sich nie wieder wiederholen.
“ Meine Cousins haben den Verräter nach dem Krieg dann angezeigt, ihm wurde ein Schild um den Hals gehangen. Darauf stand, dass er einem Kind den Vater genommen hatte. Seine Tochter lebt heute noch hier im Ort. Ich kann sie weder ansehen noch mit ihr reden, denn ihr Vater hat mir meinen genommen. „